Palazzüm Clerici

Irgend eine besondere Fügung des Schicksals führte mich nicht nur nach Meride, sondern in die unmittelbare Nachbarschaft just jenes Handwerkerhofes, der rund dreihundert Jahre vorher vom Stuckateur und Gipsermeister Giovanni Battista Clerici (1673-1736) erbaut worden war. Sein Leben war auf besondere Weise mit diesem kleinen Dorf am Alpensüdrand verwoben.

Um seine existeziellen Grundlagen kämpfend erlernte der junge Giovan Battist nicht nur die Fertigkeit, als Gipser jede erdenkliche Dekoration an Wände und Decken zu zaubern. Er brachte es mit seinem Kunsthandwerk, das im Zeitalter des Barocks in nobleren und kirchlichen Kreisen ebenso gefragt war wie der bunte Marmor vom Nachbardorf Arzo, zu einem gewissen Vermögen. Genug jedenfalls, um nach langen Jahren der Entbehrung und Wanderung von Bauhütte zu Bauhütte in verschiedenen Ländern Europas endlich in jenem Dorf sesshaft werden und für seine Familie ein stattliches Haus herrichten zu können, wo er auch seine wichtigsten Jugendjahre verbringen durfte – in Meride eben. Seine Söhne erlernten das gleiche Kunsthandwerk und setzten gleichsam Vaters Wanderschaft durch die Nachbarländer fort, einer war zuletzt sogar «Stuccateur du Roi» in Paris.

Anders als die Maler und die Bildhauer pflegten allerdings die Stuckateure kaum Signaturen zu hinterlassen, so ist es heute ungleich schwieriger, ihren Spuren zu folgen. Nur wenige haben Eingang in jene Literatur gefunden, die unsere abendländische Kunst beschreibt und Jahr für Jahr beträchtlich an Umfang und Gewicht zulegt…

So wird auch in Meride mehr über die eine wichtige Malersfamilie geschrieben – und bei jeder erdenklichen Gelegenheit der Name Giorgioli gerne zitiert –, selbst wenn unschwer festgestellt werden könnte, dass der Umgang mit dem Gipsvorkommen und vor allem dessen Anwendung in der Baukunst einen weitaus grösseren Anteil am hiesigen Erwerbsleben in den letzten Jahrhunderten darstellte. Zu Clericis Zeiten verfügte das kleine 400-Seelen-Dörfchen Meride über mindestens zwei Gipssteinbrüche und zwei Gipsbrennöfen!

So wie die Steinhauer von Arzo ausgewiesene Kunsthandwerker und auf den damals wichtigen Baustellen dementsprechend gefragt waren, ebenso geschickt waren die Meridesi im Umgang mit Gips. Und als Stuckateure gleichermassen gefragt wie die Meister des Stuckmarmors und der Imitationsmalerei. Dieses Kunsthandwerk erlebte damals seine Blütezeit, geriet im Verlaufe des 20. Jahrhunderts allerdings aus der Mode und die Kenntnis für diese speziellen Fertigkeiten in der Folge auch in Vergessenheit.

 

Bei meinem Projekt «Palazzüm Clerici» sollten diese Zusammenhänge ins Zentrum gestellt und darum herum ein eigentliches Kultur-, Kurs- und Begegnungszentrum aufgebaut werden. Wohl in vergleichsweise kleinerem Format, dafür aber abgestützt auf ein zweites Standbein – in der Form eines mit Sicherheit besonderen Bed&Breakfast-Angebotes für die Region.

Die von Beginn weg angestrebte Transparenz wie auch alle Projekt bezogenen Informationen – beides die gegenwärtigen Besitzverhältnisse berücksichtigend wie auch Schritt für Schritt im Voraus kommuniziert! – konnten Missverständnisse ebenso wenig verhindern wie offenbar auch Fallstricke kultureller Unterschiede vermeiden. So musste ich leider sämtliche Aktivitäten nach sehr kurzer Zeit bereits wieder einstellen.

«Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass alles gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass alles einen Sinn hat, egal wie es ausgeht.» Vaclav Havel, Schriftsteller, Dramaturg und Politiker, letzter Staatspräsident der Tschechoslowakei sowie auch
erster Tschechiens.


«Tagebuch einer Abtreibung»

Klar, dieser Titel mag etwas drastisch klingen, aber ist es nicht so? Wenn ein Wesen getötet wird, bevor es auf die Welt kommen konnte, nennt man das Abtreibung. Wenn ein Projekt getötet wird, bevor es geboren werden konnte, ist das nicht auch eine Abtreibung? In diesem Sinne erlaube ich mir, hier die Abfolge der Ereignisse rund um dieses Projekt zu schildern:
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          
Meride, 15.6.2013

Bis Anfang 2014 war an dieser Stelle nachzulesen, was sich im Zusammenhang mit dieser Projektidee und vor allem nach der Publikation meiner Projektdokumentation (10 Exemplare) alles zugetragen hat – in einer Art Tagebuch. 

Auf Grund mehrerer Interventionen und Drohungen von Anwälten aus Chiasso – alle vom selben Auftraggeber initiiert und durch systematische Verdrehung der Faktenlage geprägt – habe ich mich entschlossen, den Text vom Netz zu nehmen (selbstverständlich ist der vollständige Text auf Anfrage weiterhin verfügbar: Eine kurze Anfrage per Mail an postdracksache.ch genügt und er wird in PDF-Form zugestellt).

In den Schreiben dieser Anwälte wurden frei erfundene Behauptungen in die Welt gesetzt. Beispielsweise die, dass ich ohne das Einverständnis der damaligen Besitzer gehandelt hätte, oder die, dass ich mit unlauteren Mitteln Geld für meine eigene Tasche zu sammeln versucht hätte, oder die, dass ich es von Beginn weg darauf abgesehen hätte, den Ruf einer bestimmten Familie zu schädigen. Kopien von solchen Schreiben, mit notabene völlig falschen Behauptungen, wurden sogar gezielt an die Behörden geschickt!

• Tatsache ist, dass ich im Zusammenhang mit diesem Projekt nie nach Geld gefragt habe, weder bei irgend einer Privatperson noch bei irgend einer Körperschaft.
• Tatsache ist, dass ich am 2. März 2013, anlässlich des letzten Dorffestes der Gemeinde Meride – und dies mit Wissen und Einverständnis der damaligen Besitzer! – meine Projektidee lanciert und grundsätzlich nach ideeller Unterstützung gesucht habe. Bereits Ende des selben Monats musste ich aber die Projektidee begraben, weil sie offensichtlich einer einzigen Person im Dorfe nicht genehm war und diese die damaligen Besitzer dazu bewegen konnte, ihr Einverständnis zurückzuziehen.
• Tatsache ist notabene auch, dass ich daraufhin alle bereits kontaktierten Personen, Körperschaften und Amtsstellen über die umgehende Einstellung sämtlicher Tätigkeiten und Aktivitäten für dieses Projekt orientiert habe, auch mittels Publikation auf dieser Internetseite!

Bedauerlich, dass seither in Meride trotzdem haarsträubende Behauptungen kursieren wie diejenige, ich würde eine ortsansässige Familie verunglimpfen, ja ich hätte diese von Beginn weg in ein schiefes Licht rücken wollen. Als Gipfel der Unterstellungen bekam ich gar zu Ohren, ich wolle das Dorf spalten! Nur, wieso soll ich auf solch absurde Ideen kommen – als Neuankömmling in diesem Dorfe?

• Tatsache ist, dass ich mich damals – durch seltsamste Anfeindungen und Drohungen aufgeschreckt – wohl in den einschlägigen Publikationen umgesehen und innert Kürze Material aus den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts über Grauzonen der Finanzwirtschaft und Geldwäscherei gefunden hab! Jene Bücher und Artikel, die im Zusammenhang mit den damaligen Skandalen erschienenen sind und in deren Brennpunkt gewisse Anwaltskanzleien des Südtessins standen, sind übrigens unmittelbar nach deren Erscheinen durch Tessiner Gerichtsverfahren minutiös durchleuchtet worden. Die darin namentlich aufgeführten Protagonisten hatten jene Journalisten umgehend mit enormen Schadenersatzforderungen konfrontiert. Fazit: Diese Publikationen dürfen als gerichtlich geprüft angesehen werden, denn den Autoren konnte keine fehlerhafte Informationen nachgewiesen werden. Was da gedruckt stand, entsprach offenbar doch schlicht der Wahrheit.

Über jene Anwälte aus Chiasso sind hingegen Forderungen an mich gestellt worden, die auf absurde Weise sich selber widersprechen – und somit recht eigentlich unerfüllbar sind: Diese eine Person sowie die Stiftung mit dem selben Familiennamen verbitten es sich, von mir in irgend einem Zusammenhang genannt oder zitiert zu werden. Gleichzeitig wird eine persönliche Entschuldigung gefordert, die auf meiner Internetseite zu veröffentlichen sei! Nur, wofür sich entschuldigen? Dass ich eine Projektidee hatte, die jener Person offensichtlich nicht genehm war, da sie die fragliche Liegenschaft offenbar selber kaufen wollte – was notabene zu jener Zeit noch gar nicht bekannt war? Oder dafür, dass ich zufälligerweise Besitzer des restlichen Hofteils bin, den zu erwerben jene Person möglicherweise im Auge hatte, bevor ich auf den Plan trat? Und zudem: Wie soll so eine Entschuldigung denn vonstatten gehen, wenn mir die Nennung just dieses Namens explizit untersagt worden ist? Eine Entschuldigung an einen «Anonymus»?

Mir fehlt der Sinn und das Geld, letzteres für irgendwelche juristische Auseinandersetzungen auszugeben. Darum hab ich den Tagebuchtext vom Netz entfernt, komplett!

Irgend eine besondere Fügung des Schicksals bringt es mit sich, dass ich am südlichsten Zipfel unserer schönen Schweiz aufs Alter hin nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern mich auch noch mit einer offenbar völlig andern Kultur auseinandersetzen darf.

Meride, 1.6.2014
 

Frei nach Johann Peter Hebel (1760-1826) mögen sich «geneigte Lesende» fragen, wieso ich diese Zeilen auf meine Interseite platziere. Nun, die hier umrissene Projektidee stiess Anfang 2013 auf gutes Echo, von verschiedensten Seiten, von Beginn weg explizit auch im Dorfe Meride. Letzteres allerdings nur kurze Zeit, denn bald war da und dort im Dorfe ein Umschwenken spürbar, eine Art Gegenwind, der sich bald als Produkt von gezielten, oben dargestellten Falschinformationen ausmachen liess, juristisch gesehen könnte man auch von übler Nachrede sprechen.

Ungern verwende ich das Unwort des letzten Jahres, aber es scheint, dass «postfaktische» Methoden allenthalben Urstände feiern – was wunder, wenn sie es auch in der sogenannt hohen Politik tun. Die Bitte eines Neulings im Dorfe, man wolle sich doch bitte an die Chronologie der Ereignisse und an die Fakten halten, hat gar keine Chance, wahrgenommen zu werden. Da bleibt eben nur die eine Ecke auf meiner privaten Internetseite, wo es mir ziemlich unbenommen ist (Ausnahme siehe oben beim schwarzen Balken), Fakten festzuhalten und frei nach einem der tiefsinnigeren Cartoonisten F. K. Waechter (1935-2005) zu denken «Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein!»…

 

Zwischenzeitlich Geschehenes sei ebenfalls hier kurz rapportiert:

• Jene Person, die sich als juristischer Berater des Verkäuferehepaares gab, ist inzwischen selber Besitzer dieser Liegenschaft geworden!
• Ohne irgend eine Ankündigung, ohne Information an die Nachbarschaft und auch ohne amtliche Notifikation hat diese Person im September 2014 Baumaschinen auffahren lassen. Während gut drei Monaten waren diese im Einsatz und haben Tonnen von Abbruch- und Aushubmaterial sowie allgemeinen Bauschutt weggeschafft, archäologisch ungesichtet notabene.
• Publikation des Baugesuchs (Pubblicazione domanda di costruzione «Progetto Castel Cedro»): 25.4.–9.5.2016. Die Architektin, die vorher ebenfalls das Verkäuferehepaar beraten hatte, und Lebenspartnerin des damaligen juristischen Beraters und jetzigen Besitzers zeichnet für die Umbaupläne.
• Am ersten Tag einer Publikation muss jedem unmittelbaren Nachbarn die selbe Information zugestellt werden. Durch eine seltsame Abfolge merkwürdigster «Zufälle» kam ich, der ich ja auch unmittelbarer Nachbar bin, mit einer Woche Verspätung zu dieser Information! Von der an sich schon kurzen, offiziellen Frist von zwei Wochen zur Einsichtnahme in die Baupläne verblieb nicht mal die Hälfte dieser Frist, de facto blieben – denn da war auch noch ein Feiertag dazwischen! – mir nur gerade mal zwei Arbeitstage für eine allfällige Einsprache übrig! Es erfolgten drei Einsprachen, eine davon von mir – trotz der allzu kurzen Frist.
• Publikation des zweiten Baugesuchs (Domanda di costruzione Giuseppe Doninelli / Variante ristrutturazione casa unifamiliare): 7.9.–21.9.2016. Es scheint, dass ich durch dieselbe Abfolge merkwürdiger «Zufälle» wiederum deutlich verspätet von diesem zweiten Baugesuch zum selben Objekt erfahren sollte: Der eingeschriebene Brief an mich wurde erneut an jene falsche Adresse geschickt, die beim ersten Mal umgehend als ungültige Adresse rückgemeldet wurde… Nur durch Zufall sah ich die Ausschreibung im Glaskasten der Gemeinde jedoch rechtzeitig. Es blieb dann offenbar bei einer einzigen Einsprache, meiner.
• Mit Datum  vom 28.12.2016 verschickten die kommunalen Behörden von Mendrisio die Baubewilligung. In dieser werden 34 komplett neue Fenster- und Türöffnungen (in Worten: vierunddreissig!) sowie unzählige andere Ausnahmen ohne irgend eine Begründung durchgewinkt – und dies bei einem unter besonderem Schutz stehenden Haus, bei dem notabene überhaupt keine neue Öffnungen für Türen oder Fenster erlaubt wären! Der Umstand, dass mit diesen tiefgreifenden Fassadenveränderungen sowie den übrigen Eingriffen ein bedeutender Handwerkerhof seine eigene Geschichte und damit auch die Geschichte des Dorfes einen wichtigen Bauzeugen verlieren wird, das scheint hier niemanden wirklich zu kümmern – auch jene nicht, die sich von Amtes wegen darum kümmern müssten.

Meride, 1.3.2017
 

Für mich aber steht weiterhin ein Leitsatz im Vordergrund, den ich schon vor vielen Jahren für mich formuliert hatte:

«Lieber ein Till Eulenspiegel sein als ein Michael Kohlhaas!»

 

Bildindex:
1 -  Titelblatt der damaligen Projektbroschüre (in lediglich 10 Exemplaren
gedruckt)  /  2 -  Foto von Aldo Clerici, Zürich  /  3  -  Foto von Lothar Drack

 

Quellenangaben:
- it.wikipedia.org/wiki/Berlusconi. 
- www.investireoggi.it/forum/gli-inizi-di-berlusconi-vt19455.html.
- nicola-costanzo.blogspot.ch/2012/06/gli-inizi-di-berlusconi.html.
- paradeplatz.blogspot.com/2010/05/tettamantis-berlusconi-hetzblatt.html.
-archiviostorico.corriere.it/1993/aprile/04/Fimo_una_finanziaria_del_Canton_co_0_9304042495.shtml.
- Fusi, Paolo: «Il cassiere di Saddam», L’inchiesta, Bellinzona 2003, www.consumatori.ch/site/books.php
- Trepp, Gian: «Swiss Connection», Unionsverlag, Zürich 1996 
- Trepp, Gian: «La Connessione Svizzera», Ed. Marco Saba, 2009 (PDF - traduzione in italiano)